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Unfreiwillig komisch: Ascent
Geschrieben am 21. Februar 2010 5 KommentareAm Freitag Nachmittag hatte sich meine Schwester angekündigt, und mir nur mitgeteilt, dass sie auf dem Weg zu einer Abendveranstaltung nach Ludwigsburg mal eben bei mir vorbeischauen würde. Wie ich meine Familie kenne, dachte ich mir: Klar das ist wieder eine dieser “Selig sind da geistig Armen.” bzw. evangelikalen Veranstaltungen. Da ich eine evangelikale Religionsinterpretation für ziemlich hirnrissig erachte und z.B. die Berliner Erklärung für ein historisch wertvolles Dokument halte, hat sich das Thema Religion in unserer Familie zu einem ziemlichen Tabuthema entwickelt. Ok, ich weiß es ist nicht angenehm mit mir über Religion zu diskutieren, zumal ich diese Diskussionen, zwar notfalls mit den heftigsten K.O. Argumenten, gewinne.
Ok, Freitag nachmittag stand also meine Schwester in meiner Wohnung und erklärte mit, dass sie zu einem Finanzvortrag 175 km weit gefahren ist. Da im Forum Schlosspark in Ludwigsburg der Manager eines der größten in Europa investierenden Investmentsfonds spricht. Gelinde gesagt war ich etwas überrascht, aber gut nachdem sie mir mitgeteilt hatte, dass sie eine Eintrittskarte für mich dabei hätte dachte ich mir: Gehste halt mal mit. 4 Stunden später war ich reichlich verwirrt, wieder zu Hause und nachdem ich am nächsten Morgen 21 km gerannt war, fand ich die ganze Aktion zum Brüllen komisch. Anbei mal die lustigsten Beispiele:
Ascent AG
Der Veranstalter dieses Vortrages war die Ascent AG aus Karlsruhe. Ein nach ihrer Selbstdarstellung unabhängiger und freier Investmentsfondsvermittler. Die Rechtsform Aktiengesellschaft zu wählen, sich gleichzeitig aber als Familienunternehmen darzustellen, Jungs das ist ganz großes Tennis. Die Rechtsform einer Aktiengesellschaft hat doch nur den Vorteil der erhöhten Fungibilität der Unternehmensanteile. Um meine Anteilseigner zu schützen muss im Gegenzug ein Aufsichtsrat bestellt werden. Wenn ich ein unabhängiges und freies Familienunternehmen betreiben möchte, dann werde ich den Teufel tun und mich der Kontrolle eines Aufsichtsrates, und damit meiner Kapitalgeber aussetzen. Zwar kann die Umwandlung in eine AG, dank dem mehr zur Verfügung stehenden Kapital Wachstumsprozesse beschleunigen, aber ich habe aus meinem Fenster den Blick auf die Robert Bosch GmbH, meines Wissens das beste Gegenbeispiel für die Umwandlung in eine AG.
Karneval und Fasching ist eigentlich vorbei
Ein ordentliches Outfit wird bei Ascent groß geschrieben. Dementsprechend vorherrschend waren dunkle Anzüge und Kostüme bei den Damen. Aber die meisten Gäste bewegten sich mit einer Unnatürlichkeit in Anzügen, das war aller Ehren wert. Farbkombinationen, die starke Zweifel an der sexuellen Orientierung der jeweiligen Person aufkommen lassen würden waren an der Tagesordnung: Weinrote Hemden, gemusterte Krawatten, Pastellfarben, Dreiteiler! Ich bilde mir zwar nicht zu viel auf meine Modekompetenz ein, aber die Anzahl der Personen, denen ich zugestehen würde, dass sie in etwas in Richtung Geschäftsanzug tragen können, war stark in der Minderheit.
Hallo das Teil ist die Finanzbranche, da geht Individualität mal gar nicht!
Der gute Mann von der Ascent, der durch den Abend führte, passte voll ins Bild, ein labriger Anzug, ein mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gebügeltes Hemd und keine Krawatte.KSC und Europapokal
Ascent war mir zuvor nur als Sponsor des KSC aufgefallen. Auf meinem Sitzplatz befand sich ein das ascent Magazin, also blättere ich vor dem Beginn der Vortragsreihe ein wenig darin herum. Dort fand ich den Satz: “Internationale Wettbewerbe sind das Ziel – Der KSC setzt in der Eliteliga auf spielerische Akzente“. Kurzzeitig war ich verwirrt, weil ich hätte die Zukunftsaussichten des KSC eher mit dritter Liga als mit Europapokal eingeschätzt. Auf dem abgebildeten Mannschaftsfoto des KSC fand ich zu meiner Verwunderung den guten Iron Maik wieder. Gut, das Magazin war aus dem Jahre 2008! Als mir wenige Minuten später der gute Mann von Ascent zu erklären versuchte was für eine sensationelle Researchabteilung sie besitzen, die nur die besten Aktienfonds auswählt, und dann mit irgendwelchen stark vereinfachten Chartanalysen um sich geworfen hat, dachte ich mir: Ok, in der Researchabteilung sitzen wirklich super Personen. So stark unterscheidet sich Fußball nicht von der Börse, für den Europapokal benötigt man a) einen wirtschaftlich stabilen Verein, und b) eine über Jahre anhaltenden konstante Planung. Alles andere sind Eintagsfliegen. Der KSC ist chronisch pleite, und einen ordentlichen Plan vermisst man im Wildpark schon lange. Das ascent eigene Researchtool hätte für die Zukunft: “Dritte Liga, Karlsruhe ist dabei.” ausspucken müssen…
Fidelity
Der nächste große Auftritt gehörte der Fondsgesellschaft Fidelty. Endlich einmal ein Mensch dem ich eine grobe Ahnung unterstelle, wie man sich richtig kleidet! Nach seiner kurzen Vorstellung, dachte ich mir: Guter Mann, guter Verkäufer also passe ich mal lieber auf. Er übergab wenig später das Wort an seinen Kollegen Alexander Scurlock, den Fondsmanger des Fidelty Europan Growth Fonds, der als Hauptredner des abends angekündigt war. Ein Engländer und ach ich liebe diesen britischen Humor, seine Aktionen waren im Nachhinein zum Brüllen komisch und wirklich übel zynisch.Erste Aktion er hat seinen Vortrag komplett in Englisch gehalten, ich glaube die Mehrheit des Publikums war davon total überrascht, dabei hat er sich wirklich Mühe gegeben sich einfach auszudrücken. Der Tenor im Publikum danach war: “Diese Fachbegriffe!” Ich fragte mich leicht verwundert: Welche Fachbegriffe? Wenn man nicht weiß, dass Bonds Rentenpapiere/Anleihen sind und shares Aktien, dann frage ich mich wirklich ob ich mein Geld an Börse bringen muss.
Als er damit fortfuhr die wirtschaftliche Lage der Welt und insbesondere Europas zu erklären, war ich doch echt überrascht mit welcher Gleichgültigkeit das Publikum seine Ausführungen zur Kenntnis nahm. Da führte er allen Ernstes auf, dass die wirtschaftliche Erholung zuerst in Deutschland starten würde, da Deutschland in den letzten Jahren Produktivitätssteigerungen von ca. 10% erwirtschaftet habe. Im Vergleich dazu hätten Griechenland, Spanien oder Portugal Produktivitätsverschlechterungen von bis zu 40% eingefahren, was in der Krise natürlich stärker belastend wirkt. Mehr oder weniger hat er also gesagt: Tja ihr armen Deutschen, ihr habt in den letzten 10 Jahren rund 10 % weniger verdient, während die Griechen usw. eine Riesenparty gefeiert haben und jetzt dürft ihr auch noch für ihren Kater bezahlen. Bin ich froh, dass wir Engländer das Pfund behalten haben… Zu geil.
Als er dann auch noch ausführte er habe aktuell die Deutsche Bank in seinem Fondsportofolio begann ich mit der Zeit wirklich an der geistigen Konstitution der anderen Zuhörer zu zweifeln. Er hat allen Ernstes das Geschäftsmodell der DB über den grünen Klee gelobt. Wer sich nur ein klein wenig mit der DB in den letzten 10 Jahren beschäftigt hat, wird feststellen, dass die DB ihr Privatkundengeschäft, dass sie vormals in die Deutsche Bank 24 ausgliedern wollte, wieder reingeholt und jetzt Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG heißt. Vielleicht mag der ein oder andere sich auch erinnern, dass die DB ohne staatliche Hilfen durch die Finanzkrise geschippert ist und inzwischen wieder kräftig schwarze Zahlen schreibt. Und auch wenn sie nicht gerade als günstig bezeichnen würde, die wissen inzwischen auch, dass sie mich nicht als Kunden vergraulen sollten, und das kriegen sie bisher eigentlich ganz gut hin…
Fidelity European Growth Fonds
Gut, die ganze Aktion war eine Verkaufsveranstaltung für eben den Fideltiy European Growth Fonds. Der natürlich als sensationeller erfolgreicher Fonds angepriesen wurde. 613 % Wertsteigerung in 20 Jahren hören sich auch sensationell an, und der Vergleich mit einen Union Investment und einem Dekafonds die beide wesentlich geringer im Wert stiegen waren auch sehr eindrucksvoll. Schaut man sich den Fonds aber mal genauer an, stellt man unweigerlich fest, das er eine ziemlich graue Maus ist. Ich würde seine Performance im Vergleich zu anderen Fonds höchstenfalls als durchschnittlich bezeichnen. Ok, wählt man den langfristigen Zeitraum von über 10 Jahren hatte er eine ordentliche Perfomance…In diesen ganzen sensationellen Wachstumscharts der Fonds werden typischerweise aber immer Ausgabeaufschläge und Verwaltungsgebühren herausgerechnet! Das macht jedes Jahr 1,5 % weniger an Verwaltungsgebühren und ein Ausgabeaufschlag von 5,25 % ist auch nicht gerade günstig.
Um das grob in Zahlen auszudrücken Auszudrücken: Im Verkaufsprospekt steht aus 10.000 Euro wären in 19 Jahren 71300 Euro geworden. Super, wenn ich unter der Annahme eines linearen Wachstums mal die Verwaltungsgebühren und den Ausgabeaufschlag herausreche, sind das eben keine 71300 Euro sondern nur: 50700 Euro. (Das Unterstellen eines linearen Wachstums ist bei Aktienfonds weit hergeholt, die tatsächlichen Gebühren dürften eher höher liegen, aber die 50700 Euro sind kein schlechter Anhaltspunkt.) Sind ja nur knapp 40 % Unterschied zwischen den beiden Beträgen.
19 Jahre Laufzeit für einen Aktienfonds sind meiner Meinung ein wenig weit hergeholt. In einem überschaubaren Zeitraum von 3 Jahren ergeben sich folgende Zahlen: Vor 3 Jahren 10000 Euro angelegt: Herzlichen Glückwunsch sie haben gerade noch 6422 Euro! In meiner Rechnung wurden Bankgebühren, wie Transaktionsgebühr, Maklercourtage, Depotgebühren usw. nicht berücksichtigt, diese kommen je nach Bank ebenfalls mit einem ordentlich Prozentsatz hinzu.Investition in Sach- statt Geldwerte
Ein weiterer Marketinggag von Ascent. Ein Fonds ist kein Sachwert, beschließt der Fondsmanager kurzerhand auf Cash zu sitzen oder gar short zu gehen, dann ist das alles nur kein Sachwert! Warum ich bei einem Aktienfonds auch noch Geld bezahlen muss, um das mir eigentlich zustehende Recht, auf den Hauptversammlungen der Unternehmen, in die der Fonds investiert, mein Stimmrecht auszuüben halte ich seit jeher für ein starkes Stück.
Multi- Level- Marketing
Das Vertriebskonzept von Ascent ist legendäres Multi- Level Marketing! Ich dachte dieses Vertriebsmodell wäre inzwischen auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet. Ich will mich jetzt nicht groß weiter zum Sinn und Unsinn von MLM auslassen. Aber warum eine Upline prozentual an den von mir generierten Provisionen mitverdienen soll, dass konnte mir bisher keiner schlüssig erklären. Ebenfalls ist mir komplett unklar, warum ich mich von Jemanden in Finanzfragen beraten lassen sollte, der möglicherweise nicht mal einen qualifizerten Abschluss auf diesem Gebiet hat.
Fazit
Liebe Jungs und Mädels von Ascent, ich werde meine Finanzprodukte weiterhin günstig über maxblue erwerben. Da die Deutsche Bank ein eigentlich ganz netter Laden ist kann ich dort mir dort meine bevorzugten Aktien außerbörslich ordern. Dann darf ich einmal im Jahr zu einer sensationellen Hauptversammlung, deren Entertainmentwert, den von eurem financial entertainment um Welten schlägt, und dazu gibt es in der Regel Flatrate Saufen und Fressen!
P.S.: Die Aktion für den nächsten Vortrag 8 Euro Eintritt zu verlangen ist schon Klasse. Da ich davon ausgehe, dass das Niveau nicht sonderlich steigen wird werde ich mir diesen Vortrag mal lieber sparen.
Wenn hier jemand in den Kommentaren auf die Idee kommt ich müsste an meine Altersvorsorge denken, dem sei gesagt: Lieber leichtsinnig als schwachsinnig!



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